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Süßes Schachspiel: Marzipan - eine ungarische Spezialität
von Laelia Kaderas
 
Es war einmal, vor mehr als 500 Jahren, eine kunstsinnige adlige Dame aus Spanien. Um sie warb mit kostbaren Gaben König Matthias. Ganz Ungarn, Böhmen und Niederösterreich lagen ihm damals zu Füßen. Der vornehmen jungen Frau, Beatrix von Aragonien, gefiel König Matthias, und schließlich gab sie ihm im Jahre 1476 das Ja-Wort. Ganz wie im Märchen sollte die Hochzeit sein.
 


Refliefs mit den Porträts von Beatrix (1457-1508) und Matthias (1443-1490).
Zum Klang von Schalmeien und Cornamusen ließ sich die höfische Gesellschaft von Reigen- und Figurentänzen unterhalten. Weiches, fließendes Geschmeide in satten Farben erfreute das Auge. Ach, und dann die Gaumenfreuden: Eine lange Tafel war gespickt mit gebratenen Täubchen, in Honigwein eingelegtem Wildfleisch, seltenem Gemüse, köstlichen Cremes und edlen Leckereien.
 
Am prächtigsten machte sich ein Schachspiel aus; es bestand durch und durch aus Marzipan. Eine Köstlichkeit, die Beatrix von Aragonien liebte. Schon als Kind naschte sie mit Wonne "mazaban". Und jetzt, als Königin von Ungarn, wollte sie erst recht nicht darauf verzichten.
 
Bald fand auch das ungarische Volk Gefallen an dem Konfekt. Von da an gab es kein ungarisches Backbuch mehr ohne Marzipan-Rezept!
 
Marzipan ist ein süßes Geheimnis aus dem Orient. In Persien, dem heutigen Iran, schrieben die Süßwarenbäcker schon 500 Jahre vor der Hochzeit von König Matthias und Beatrix von Aragonien die Zutaten auf. Wahrscheinlich aber waren die Menschen dort noch viel, viel früher auf den Geschmack gekommen, lange vor unserer Zeitrechnung. Aus Mandeln und Honig und Rosenwasser entstand in 1001 Nacht das erste Marzipan.
 
Mit den Kreuzzügen, als die christlichen Ritter loszogen, um ihre orientalischen Glaubensbrüder "aus der Herrschaft der Ungläubigen zu befreien", soll die Rezeptur nach Europa gelangt sein. Also etwa im 12. Jahrhundert. Die Lübecker rühmen sich erst seit dem 16. Jahrhundert ihres "echten Lübecker Marzipans". Die Ungarn aber haben schon mit Beatrix von Aragonien eine ganz besondere Vorliebe für die knetbare süße Masse entwickelt.
 


Höfisches Schachspiel.
Im Marzipanmuseum im Künstlerstädtchen Szentendre, 20 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Budapest am Donauufer gelegen, zieht sich der Mandelzuckerteig durch die ganze königlich-kaiserliche Geschichte Österreich-Ungarns. Historische Ereignisse werden als Naschwerk nachgestellt, auch wichtige ungarische Persönlichkeiten und Bauwerke lernt der Marzipanliebhaber so kennen. Das Budapester Parlamentsgebäude beispielsweise: von oben bis unten aus Marzipan, 1,60 Meter hoch.
 
So alt wie die ungarische Liebe zum Marzipan ist das Museum in Szentendre längst nicht. Károly Szabó, ein Siebenbürgersachse, also ein Nachfahre deutscher Einwanderer im heutigen Rumänien, eröffnete es vor zehn Jahren. Zu der Zeit war Károly Szabó schon ziemlich bekannt, weil er nach dem Krieg in der weltberühmten Beiruter Feinbäckerei Massoud als Konditor, als Zuckerbäcker, gearbeitet und 1985 im niederösterreichischen Puchberg ein erstes Marzipanmuseum gegründet hatte.
 
So angesehen wie Károly Szabó ist in Ungarn auch Mátyás Szamos. Er baute nach und nach Marzipankonditoreien und Süßwarenfabriken auf. Sogar die älteste Konditorei des Landes, die Feinbäckerei Ruszwurm in Budapest, gehört mittlerweile zu seinem Unternehmen, der Handelsgesellschaft Szamos Marcipán.
 
Es ist gerade ein Jahr her, da haben sich die Firmen von Károly Szabó und von Mátyás Szamos zusammengetan, um das Marzipanmuseum in Szentendre gemeinsam zu betreiben. Wer jetzt durch das Szabó Marzipanmuseum streift, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Wunderbare Mandelzuckerwelten lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen. Was kann dagegen helfen? Ein großes Stück Marzipantorte gleich nebenan in der Szamos Marzipankonditorei vielleicht. Oder eines der vielen Marzipan-Leckerein, die es in ganz Ungarn in Feinbäckereien, Kaufhäusern, Süßwarenläden und Tankstellen-Shops zu kaufen gibt.
 


Fertigung von Blumen aus Marzipan im Marzipanmuseum in Szentendre.


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