Heute: 17. Mai 2012 Donnerstag
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Ännchen von Tharau
von Laelia Kaderas
 
Verstehst Du Platt? Kannst Du vielleicht sogar Platt sprechen?
Na, dann probier es mal mit diesen Zeilen:
 
Anke von Tharaw öß, die my geföllt
Se öß mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt.
Anke von Tharaw heft wedder eer hart
Op my geröchtet ön Löw' on ön Schmart
Anke von Tharaw mihn Rihkdom, min Goet,
Du, mihne Seele, mihn, Fleesch on mihn Bloet.

 
Das floss anno 1637 dem Dichter Simon Dach (Bild rechts) aus der Feder:
in Samländisch, einer ostpreußischen Mundart. Sechszehn weitere Strophen hängte er dieser Strophe noch an. Der Dichter Simon Dach lebte damals in Königsberg an der Ostsee, das heute Kaliningrad heißt und zu Russland gehört.
 
[ Übrigens: Informationen zum Dichter Simon Dach findest Du HIER im Internet. ]
 

In Plattdeutsch klingen die Worte ganz ähnlich:
 
Anke von Tharau is de mi gefällt,
Se is mien Leben, mien Goht un mien Geld
Anke von Tharau hett wedder ehr Hart
Op mi gerichtet in Lev un in Schmart.
Anke von Tharau, mien Rieckdom, mien Goht,
Du miene Seele, mien Fleesch un mien Blot.

 
Simon Dach begegnete der Pfarrerstochter Anna Neander auf einer Fähre, so erzählt man sich. Er soll von ihrer Schönheit so betört gewesen sein, dass sie ihm nicht mehr aus dem Kopf ging. Als sie später den Pfarrer Johannes Portatius heiratete, schrieb Simon Dach ein Hochzeitsgedicht für sie. Sein Freund Heinrich Albert, Domorganist und Komponist zu Königsberg, vertonte das Gedicht. Allerdings anders als wir es heute kennen. Zur Hochzeit sang damals die Gemeinde:
 
[ Übrigens: Informationen zum Komponisten Heinrich Albert findest Du HIER im Internet. ]
 

Die Leute fanden gefallen an dem Lied. Vor allem als später der berühmte Dichter Johann Gottfried Herder die Worte ins Hochdeutsche "übersetzte" und der Komponist Friedrich Silcher 1827 eine neue Melodie dazu schrieb. Seither wird Anke von Tharaw als "Ännchen von Tharau" besungen:
 
[ Übrigens: Im Internet findest Du Informationen zum Dichter Johann Gottfried Herder und zum Komponisten Friedrich Silcher. ]
 
Ännchen von Tharau ist, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb' und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

 

Ännchen gab es also wirklich. Und Tharau auch. Heute heißt der Ort russisch Vladimorovo. Wenn Du mit dem Finger auf der Landkarte die lange Hauptstraße von Kaliningrad in Richtung Süden entlang fährst und bei Nivenskoe (früher: Willenberg) ankommst, bist Du schon ganz nah dran. Jetzt noch vier Kilometer nach Südwesten, dann bist Du da. In Wirklichkeit würdest Du jetzt vor der verfallenen Ruine einer alten Backsteinkirche stehen. Es ist die Kirche, in der Ännchen vor knapp 400 Jahren getauft wurde. Ihr Vater war hier Prediger, und gleich neben der Kirche im Pfarrhaus kam die kleine Anna zur Welt.
 
Anna Neander führte 36 Jahre lang ein redliches Leben als Pfarrersfrau in Laukischken, dem heutigen Strankoe. Als ihr erster Mann Johannes Portatius starb, heiratete sie den Pfarrer, der die Gemeinde von nun an betreute. Doch lebte sie länger als er und heiratete zum dritten Mal einen Pfarrer. Auch der predigte in der gleichen Kirche.
 


Ännchen-Figur auf dem Simon-Dach-Brunnen in Memel.
Das Lied machte Ännchen berühmt. Vor dem Theater im litauischen Memel steht sogar eine Figur von ihr. Eine Nachbildung allerdings, denn das Original wurde im Zweiten Weltkrieg entweder zerstört oder gestohlen. Wer weiß? Auf jeden Fall ist die echte Figur am Simon-Dach-Brunnen verschwunden.
 
Simon-Dach-Brunnen in Memel? Aber der Schöpfer von "Anke von Tharaw" lebte doch in Königsberg! Stimmt. Aber er wurde 1605 in Memel geboren. Ein schönes kleines Städtchen war das zu Simon Dachs Lebzeiten, eine Hochburg für feinsinnige Künste. Bis nach dem Ersten Weltkrieg war die Hansestadt deutsch, und so sieht sie heute noch aus mit ihren vielen Fachwerkhäusern. Nach dem Ersten Weltkrieg einigten sich die Sieger im so genannten Versailler Vertrag auf neue Grenzen; dabei wurde das Memelland abgetrennt. Die Litauer nahmen das Land ein. Durch Hitler wurde die Gegend noch einmal deutsch, nach dem Zweiten Weltkrieg aber gehörte Memel zur litauischen Sowjetrepublik. Die Stadt bekam ihren ursprünglichen Namen wieder: Klaipeda - benannt nach der 2000 Jahre alten Burg Klaipeda. Ausländer Durften die sowjetische Stadt lange Jahrzehnte nicht betreten. Erst als sich 1990 mit der Wende in Europa viel veränderte, wurde auch das anders: Die frühere litauische Sowjetrepublik wurde ein selbstständiger Staat, Litauen. Jetzt kann jeder frei nach Klaipeda reisen.
 
[ Übrigens: Informationen über Klaipėda (Memel) findest Du HIER im Internet. ]
 
Für weitere Informationen über Litauen klicke hier die Flagge:
 

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