Europa - woher, wohin?
Werte und Finalität in der Europäischen Union
Tagung am 11. November 2006 in Göttingen
Werte und Finalität in der Europäischen Union
Das geistige Fundament Europas und die Frage, ob die historischen Wurzeln die Grenzen der EU bestimmen, standen im Mittelpunkt einer Tagung, die das Europäische Informations-Zentrum (EIZ) Niedersachsen am 11. November 2006 in Kooperation mit der Europa-Union Göttingen veranstaltet hat. Historiker, Sprach- und Literaturwissenschaftler, Europaexperten sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Kirchen spürten den gemeinsamen Werten in Europa nach und diskutierten über die Fähigkeit der EU, weitere Länder zu integrieren.
Gut 50 Zuhörerinnen und Zuhörer folgten den spannenden und anspruchsvollen Vorträgen und diskutierten mit den Referenten über das Woher und Wohin der Europäischen Union. Nachdem Bettina Raddatz, Leiterin des EIZ, die Teilnehmenden begrüßt hatte, wandte sich Ministerpräsident Christian Wulff in einer Videobotschaft an die Gäste. Darin unterstrich er das Anliegen Niedersachsens, das Zusammenwachsen der Länder in Europa und ein gemeinsames europäisches Bewusstsein zu fördern. Auch Wilhelm Gerhardy, Bürgermeister der Stadt Göttingen, wertete die Veranstaltung als Beitrag, die Menschen für Europa zu begeistern und ihre Sehnsucht nach einem Europa zu wecken, das seine Werte erkennt und lebt.
![]() Impressionen von der Veranstaltung. Fotos: EIZ Niedersachsen | ![]() | |
Die Bedeutung und Rezeption der kulturellen und politischen Leistungen der Griechen im nachantiken Europa war das Thema eines Vortrages von Professor Manfred Landfester. Er erinnerte zunächst daran, dass der Begriff "Europa" aus der griechischen Mythologie stammt - ein Beleg dafür, wie tief Europa im antiken Griechenland verankert ist. Während die Griechen im frühen Mittelalter, auch als Folge der Teilung Europas in das Reich Karls des Großen und in das Byzantinische Reich, mehr und mehr von Europa ausgeschlossen wurden, kehrten sie in der frühen Neuzeit zurück. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde das antike Wissen, ob in Philosophie oder Medizin, in der Astronomie und Mathematik, in Malerei oder der Literatur, wieder entdeckt. Bis 1500 hatte sich die griechische Kultur in das europäische Gedächtnis eingeschrieben, um jedoch mit Beginn der Romantik erneut in Vergessenheit zu geraten. Ob die Griechen in Zukunft noch eine Rolle spielen werden, hängt nach Auffassung Landfesters von unserer Entscheidung ab, ob "wir mit den Griechen und durch die Griechen noch Neues denken können".
Für Professor János Gulya bilden die gemeinsamen sprachlichen Wurzeln der europäischen Länder einen maßgeblichen inneren Zusammenhalt. Er sieht den Hoftag von Quedlinburg im Jahr 973 als Ereignis von historischer Qualität, bei dem erstmals die lateinische Sprache als Gemeinsamkeit der dort vertretenen Länder - von Dänemark bis Ungarn, vom Papsttum bis zum hispanischen Kalifat - anerkannt wurde. Die im Mittelalter vorhandene griechisch-lateinische Sprachgrenze entlang der Linie Trakien und Makedonien sieht er bis heute (auch wenn die Sprachen ausgetauscht wurden) erhalten - und zugleich als politische Trennlinie in Europa.
Vernachlässigt das viel beschworene christliche Abendland seine eigenen Werte, wenn es im EU-Verfassungsentwurf keinen ausdrücklichen Bezug auf Gott festschreibt? Die Antwort, die Heinrich Hoffschulte, ehemaliger Oberkreisdirektor von Münster und erster Vizepräsident des Europäischen Rates der Gemeinden und Regionen Europas, in seinem Vortrag gab, lautet: nein. Die heftige Diskussion über das Fehlen eines Gottesbezuges ist eine deutsche Spezialität, denn Deutschland ist das einzige europäische Land, das sich in seinem Grundgesetz auf seine „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ beruft. Daneben gibt es mit Polen, Griechenland und Irland nur noch drei weitere EU-Mitgliedsstaaten, die sich in ihren Verfassungen auf christliche Werte beziehen, wobei die neue polnische Verfassung daneben ausdrücklich "diejenigen, die diesen Glauben nicht teilen", berücksichtigt. Sieht man die Päambel und die maßgeblichen Artikel der europäischen Verfassung auf die dahinter stehenden Ziele und Werte durch, so stellt man fest, dass das christliche Menschenbild Grundlage eines Wertekonsenses ist – auch ohne formellen Bezug auf Gott.
Als ehemaliges Mitglied der Bologna-Kommission widmete sich Professor Miklós Maróth, Dekan der Universität Budapest, den Ergebnissen des Bologna-Prozesses, mit dem ein einheitlicher europäischer Hochschulraum geschaffen werden sollte. Ziel war es, die inhaltliche Qualität der Studiengänge zu erhalten, sie zugleich zu straffen und international vergleichbar und durchlässig zu gestalten. Sein kritisches Fazit: Die Hochschulreform ist misslungen, die lange und bewährte Tradition europäischer Universitäten wurde zugunsten eines amerikanisierten Hochschulwesens preisgegeben - angeblich, um im internationalen Wettbewerb besser bestehen zu können.
Wie geht es nun weiter mit der Europäischen Union? Professor Heinz-Jürgen Axt lieferte dazu einige Zahlen. Er analysierte in seinem Referat den Stand der Verfassungsdiskussion in den einzelnen Mitgliedsstaaten und das Stimmungsbild zur Erweiterung der Staatengemeinschaft. 15 Staaten haben die Verfassung ratifiziert, in zwei Ländern - Frankreich und den Niederlanden - wurde sie abgelehnt und in acht Ländern steht die Entscheidung aus. Nach einer aktuellen Umfrage von Eurobarometer sind 61 Prozent der EU-Bürger für die Verfassung, 22 Prozent dagegen und 17 Prozent unentschieden. Ähnliche Mehrheitsverhältnisse gibt es in der Politik: Während die Linke im Europäischen Parlament und die Niederlande die Verfassung begraben wollen, plädieren Teile der SPD und der Kommission für eine veränderte, reduzierte Verfassung, während die meisten Länder die Ratifikation des vorliegenden Entwurfs fortsetzen wollen. Wie die Chancen der EU-Kandidaten Kroatien, Mazedonien und der Türkei sowie der potenziellen Kandidaten Albanien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Serbien und Kosovo für eine Aufnahme in die EU sind, zeigen Umfragen in der EU 25. Die höchste Zustimmung erhält mit 56 Prozent Kroatien, gegen Albanien sprechen sich 44 Prozent der Befragten aus. Das Bild für die Türkei: 39 Prozent sind für den Beitritt, 48 Prozent dagegen.
Die Beiträge der Politik, aber auch der gesellschaftlichen Gruppen zur Zukunft Europas diskutierten zum Abschluss der Veranstaltung Vertreter der Kirchen, der EU-Kommission und der Politik. Während Valerio Bonvini (Vertretung der EU-Kommission in Berlin) für mehr Dialog und mehr Information der Bürgerinnen und Bürger plädierte und die EU-Institutionen aufforderte, mehr Demokratie zu üben, sah die Landtagsabgeordnete Editha Lorberg den Schwerpunkt der EU-Politik darin, höhere Sicherheit nach innen und außen zu schaffen und Bürokratie abzubauen. Eine aktive Rolle in der Förderung des Europagedankens schrieb Rolf Koppe, ehemaliger Auslandsbischof der Evangelischen Kirche Deutschlands den Kirchen zu. Indem sie die kulturellen Gemeinsamkeiten Europas betonten, könnten sie zu einem europäischen Bewusstsein beitragen. An die Begeisterung der Gründerväter der EU, die auf dem Trümmerfeld des Zweiten Weltkrieges ein Europa des Friedens in bewusster Bindung an die geistige Mitte des christlichen Glaubens ein neues Europa schaffen wollten, erinnerte Pater Graab. Eine Umfrage unter den Diskutanten und im Publikum zur Verfassung und zum Türkeibeitritt ergab ein uneinheitliches Bild: Während die Einen die Verabschiedung der Verfassung als nachrangig einstuften, forderten Andere die Mitgliedsstaaten auf, den Prozess voranzutreiben. Die Erweiterung der EU wurde zum Teil vehement abgelehnt, zum Teil ganz entschieden befürwortet. Einig waren sich alle darin, dass die Debatte über die EU weiter geführt werden sollte.
DOWNLOADS zum Thema:
| Europa - woher, wohin? Werte und Finalität in der Europäischen Union Einladung mit dem Programm der Veranstaltung am 11. November 2006 in Göttingen. Download: PDF-Dokument... |
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Europa - woher, wohin? Ausgabe 2006/2 vom Dezember 2006 des Informationsdienstes "Europa-Fokus Niedersachsen" mit folgendem Inhalt:
Werte und Finalität in der Europäischen Union
Download: PDF-Dokument... |
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Links zum Thema:
Humboldt-Reden zu Europa
Die Deutsche Nationalstiftung und die Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Walter Hallstein-Institut für Europäisches Verfassungsrecht haben die Reihe "Humboldt-Reden zu Europa" ins Leben gerufen, die abseits der Tagespolitik zum öffentlichen Diskurs um die Europäische Integration beitragen soll. In unregelmäßigen Abständen sprechen amtierende und ehemalige Staats- und Regierungschefs in dieser Reihe zu Themen der Zukunft Europas (u.a. zur EU-Verfassung). Die Reden können online im Internet nachgelesen werden.
Extern: Humboldt-Reden zu Europa...
Ihr Dialog mit der EU und über Europa
Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie Sie als EU-Bürgerin bzw. EU-Bürger direkt mit der EU in Kontakt treten können, um z.B. Antworten auf Ihre Fragen zur EU zu erhalten oder mit Entscheidungsträgerinnen und -trägern der EU über aktuelle Fragen zu diskutieren. Wir stellen Ihnen hier einige dieser Kontakt- und Diskussions-Möglichkeiten vor.
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Europa auf der Suche nach Identität
Nach Osterweiterung, Europawahl und Verfassungsvertrag stellt sich mehr denn je die Frage nach der Identität des europäischen Staatenverbundes - bzw. nach den verschiedenen Identitätsvorstellungen der Europäer. Die Autoren des Experten-Forums des Internet-Magazins "PolitikWissen.de" untersuchen Fragen nach dem inneren Zusammenhalt der Union der Staaten und der Bürger, der gemeinsamen Werte und der daraus resultierenden Politiken.
Extern: Experten-Forum...









