Heute: 12. März 2010 Freitag
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Strukturreform trotz Krise
 
Rezession erschwert Anpassung an den demografischen Wandel
Europa darf im Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise die Strukturreformen nicht vergessen, die zur Anpassung an den demografischen Wandel erforderlich sind. Diese Mahnung steht im Zentrum des Demografie-Reports 2009, den die Europäische Kommission am 29. April 2009 vorgestellt hat.
 
Um 1900 betrug die Lebenserwartung der Frauen in Deutschland 48, die der Männer 45 Jahre; heute liegt sie bei 82 beziehungsweise 77 Jahren. Die Menschen leben im Durchschnitt nicht nur länger, sie erreichen das Greisenalter auch bei besserer Gesundheit. Diese Zahlen sind bekannt - dem neuen "Ageing Report 2009" der EU-Kommission geht es um die Folgen: Welche Auswirkungen hat die alternde Bevölkerung auf Wirtschaft, Sozialsysteme, Bildung und Staatsfinanzen? Dies basierend auf dem Stand der im April 2008 veröffentlichten Eurostat-Bevölkerungsprognosen hochzurechnen, war ein Auftrag des EU-Ministerrates Wirtschaft und Finanzen an die Kommission.
 

Die demografische Entwicklung unterscheidet sich von Land zu Land, in Deutschland etwa wird die Bevölkerung voraussichtlich schrumpfen. Insgesamt aber bleibt die Einwohnerzahl Europas bis 2060 etwa konstant - dank gestiegener Geburtenfreudigkeit in einigen Mitgliedstaaten und weiterhin dynamischer Zuwanderung. Die Bevölkerung wird aber wesentlich älter sein: Kommen heute vier Menschen im Erwerbsalter auf einen über 65-Jähringen, sind es in rund 50 Jahren nur noch zwei. Der größte Einbruch findet zwischen 2015 und 2035 statt, wenn die "Babyboomer-Generation" in den Ruhestand geht.
 
Will Europa weiter wachsen und seinen Wohlstand sichern, müssen alle Arbeitskräftepotenziale erschlossen werden, so der Bericht. Künftige Generationen werden entsprechend länger in der Arbeitswelt aktiv bleiben. Die Lücke zwischen der Beschäftigung von Männern und Frauen wird sich verringern. Trotzdem: Die Zahl der Erwerbstätigen wird in der EU bis 2060 um rund 19 Millionen Menschen sinken. Damit droht ein geringeres Wirtschaftswachstum - bei steigenden Sozialausgaben für Altersbezüge, Gesundheitswesen und Pflege. Die alterungsbedingten Ausgaben in der EU werden bis 2060 um durchschnittlich 4,75 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigen.
 
Zeitfenster ist offen
Langfristige Projektionen sind keine Vorhersagen, darauf weist die Kommission in ihrer am 29. April 2009 beschlossenen Mitteilung eindringlich hin. Aber sie zeigen, was passiert, wenn politisch nichts passiert. Es gebe ein Zeitfenster von ungefähr zehn Jahren, in dem die Zahl der Erwerbstätigen noch leicht ansteigt, um die nötigen Strukturreformen vorzunehmen. Sie zu unterlassen, würde die Fähigkeit der EU, sich den Bedürfnissen einer alternden Bevölkerung anzupassen, erheblich schwächen. Die globale Wirtschaftskrise kann die durch demografische Veränderungen anstehenden Probleme zuspitzen. Sie hat Konsolidierungserfolge, die einige Mitgliedstaaten erreicht hatten, zunichte gemacht. Es komme jetzt darauf an, so die Kommission, durch zielgerichtete Maßnahmen, wie von der Kommission mit dem European Economic Recovery Plan (EERP) am 26. November 2008 beschlossen, die Krise möglichst schnell zu überwinden und so zu verhindern, dass die europäische Wirtschaft langfristig auf einen niedrigeren Wachstumspfad einschwenkt.
 
Denn die Anpassung an den demografischen Wandel erfordert Investitionen. Deshalb müssen die Staatsfinanzen baldmöglichst auf Konsolidierungskurs zurückgebracht werden. "Die kurzfristigen Lösungen zur Förderung der wirtschaftlichen Erholung dürfen nicht die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen gefährden", fordert der für Wirtschaft und Finanzen zuständige EU-Kommissar Joaquín Almunia.
 
Die Mitgliedstaaten müssen im Rahmen einer erneuerten Strategie ihre Alterssicherungssysteme wie auch ihr Gesundheits- und Pflegewesen zukunftsfest machen und verstärkt in eine nachhaltige Wirtschaftsweise investieren. Wenn weniger Menschen ein wachsendes Sozialprodukt erarbeiten sollen, muss die Produktivität noch stärker steigen. Nicht zuletzt erfordern sinkende Geburtenraten nicht weniger, sondern mehr Bildungsinvestitionen. Eine alternde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, eine große Zahl junger Menschen mit unzureichenden Qualifikationen ins Berufsleben zu entlassen.
 
Generationenkonflikt nicht erkennbar
Die ältere Generation muss motiviert und befähigt werden, sich durch Fort- und Weiterbildung fürs Erwerbsleben fit zu halten. "Die Bevölkerungsalterung macht keine Angst, wenn wir anerkennen, welch großen Beitrag die älter werdenden Babyboomer für unsere Gesellschaft leisten können", sagte Vladimír Špidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit, zum ersten "Europäischen Tag der Solidarität zwischen den Generationen" am 29. April. Ältere Arbeitnehmer in Frührente zu schicken, gehe nicht mehr. Im Gegenteil: Sie zu motivieren und zu befähigen, länger im Erwerbsleben zu bleiben, sei das Gebot der Stunde. Zwei Drittel der europäischen Bürger meinen nach einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage (Flash Eurobaromter 269 "Intergenerational solidarity"), der Staat solle es Älteren erleichtern, auch nach Erreichen der Altersgrenze zu arbeiten, wenn sie es wollen. Die gleiche Umfrage zeigt: Von einem Konfl ikt zwischen den Generationen ist man weit entfernt. Zwar sehen 14 Prozent der Europäer ältere Menschen als eine Last für die Gesellschaft - aber diese Meinung findet sich vor allem unter Älteren. (mb)
 

Quelle der vorstehenden Informationen:
EU-Nachrichten Nr. 15 vom 30. April 2009 der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland.


WEITERE INFORMATIONEN zum Thema


Demografischer Wandel in Europa
Demographische Zukunft der EU: Überalterung trifft nicht alle gleich
Europas demographisches Defizit
Die EU zählt heute fast eine halbe Milliarde Menschen und ist eine führende Wirtschaftsmacht. Doch Europas Position ist gefährdet, wenn sich die aktuellen Geburtenraten in den nächsten Jahrzehnten fortschreiben. Eine Bevölkerungsabnahme dürfte auch ein Stagnieren der Wirtschaft mit sich bringen. Europas Wirtschaft ist auf Arbeitskräfte und Verbraucher angewiesen und unsere Sozialsysteme auf ein ungefähres Gleichgewicht zwischen arbeitender Bevölkerung und Rentnern.
Artikelserie des Europäischen Parlaments (EP) mit weiterführenden Links.
 
Europa - arm an Kindern
Kindersterblichkeit, Tod im Kindsbett, Seuchen, Kriege und Hungersnöte waren in früheren Jahrhunderten bestimmende Faktoren für die Bevölkerungsentwicklung. Heute lebt Europa in Frieden und ungeahntem Wohlstand, die Nahrungsmittelversorgung ist garantiert. Moderne Medizin und das Gesundheitswesen sorgen für eine hohe Lebenserwartung. Paradoxerweise stagniert die Bevölkerungszahl in vielen Ländern Europas oder sie geht zurück. Woran liegt dies und lässt sich der Trend umkehren? Beitrag des Europäischen Parlaments (EP) vom 6. Dezember 2007 mit weiterführenden Links.
 
Zuwanderung als Lösung?
Während Europa über Jahrhunderte Ausgangspunkt von Migration war, ist es heute eines der wichtigsten Ziele für Menschen, die ihre Heimat verlassen, um anderswo einen neuen Anfang zu machen. Wohlstand, Frieden und Freiheit dürften auch in Zukunft Menschen aus aller Welt anziehen. Kann eine gezielte Steuerung der Einwanderung nach Europa die Bevölkerungsentwicklung in Europa stabilisieren oder zumindest die negativen Folgen der aktuellen demographischen Entwicklung begrenzen? Beitrag des Europäischen Parlaments (EP) vom 10. Januar 2008 mit weiterführenden Links.


LINKS zum Thema


Mitteilung 2009 zur Bevölkerungsalterung: eine erneuerte Strategie zur Bewältigung der demografischen Herausforderung
PresseInformation der EU-Kommission vom 29. April 2009 mit Tabellen zu "Langfristige Arbeitsmarktentwicklungen" und "Alterungsbedingte staatliche Ausgaben, 2007-2060, Veränderung in Prozentpunkten des BIP".
 
The 2009 Ageing Report
Economic and budgetary projections for the EU-27 Member States (2008-2060). Die von der EU-Kommission am 29. April 2009 veröffentlichte Mitteilung zu den Folgen des demografischen Wandels in Europa kann über diese Seite abgerufen werden.
 
Vorschläge der EU zur Bevölkerungsalterung
Die Kommunikation der Kommission untersucht die lagfristigen wirtschaftlichen und budgetären Auswirkungen einer alternden Bevölkerung bis 2060. Informationen und weitere Dokumente der EU-Kommission zum Thema.
 
Flash Eurobaromter 269 "Intergenerational solidarity"
Die Ergebnisse der Eurobaromter-Umfrage zur Solidarität zwischen den Generationen können über diese Seite der EU-Kommission abgerufen werden.
 
Solidarität zwischen den Generationen als beste Antwort auf Bevölkerungsalterung
PresseInformation der EU-Kommission vom 28. April 2009 zum ersten "Europäischen Tag der Solidarität zwischen den Generationen" am 29. April 2009.
 
First European Day on Solidarity between Generations
Informationen von AGE (the European Older People’s Platform) zum "Europäischen Tag der Solidarität zwischen den Generationen" (29. April) und den Veranstaltungen aus diesem Anlass.
Das EIZ Niedersachsen ist eine Informationsstelle im europe direct-Netzwerk der EU.
Website der EU-Ratspräsidentschaft Spaniens im 1. Halbjahr 2010.
Niedersachsen wird sich am 3. Mai 2010 (Montag) am 4. bundesweiten EU-Projekttag an Schulen beteiligen. Hier finden Sie nähere Informationen zum EU-Projekttag 2010.
Informationen, Dokumente und Links zum EU-Reformvertrag und zum Prozess seiner Ratifizierung.
dabei sein in Europa: Unsere EU- und Europa-Informationen für Jugendliche.
EU- und Europa-Infos für Kinder mit dem niedersächsischen Europa-Pferd "Eurogaloppo".