EU-Kommission reguliert Schattenbanken: Neue Vorschriften für Geldmarktfonds

05.09.2013 Brüssel. Wenige Tage vor dem G20-Treffen in Sankt Petersburg hat die Europäische Kommission konkrete Schritte zur Regulierung der Schattenbanken unternommen. Als erste dieser Maßnahmen hat EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier am Mittwoch neue Vorschriften für Geldmarktfonds vorgelegt. Die Verordnung soll sicherstellen, dass Geldmarktfonds einen Kapitalpuffer schaffen und auch bei einer angespannten Marktlage hohem Rücknahmedruck seitens der Anleger standhalten.

In einer Mitteilung zum Schattenbankwesen gibt die EU-Kommission einen Überblick über die bislang geleistete Arbeit und führt weitere mögliche Maßnahmen auf. „Wir haben Banken und Märkte umfassend reguliert. Jetzt müssen wir die Risiken begrenzen, die mit dem Schattenbanksystem verbunden sind“, erklärte Barnier am Mittwoch in Brüssel. Die Schattenbanken seien systemrelevant für die Finanzierung der Realwirtschaft. Sie müssten transparent sein, damit der durch schärfere Bankenregulierung erzielte Nutzen nicht durch eine Verlagerung der Risiken in weniger regulierte Sektoren geschmälert werde.

Das Schattenbankwesen ist ein System der Kreditvermittlung, an dem Unternehmen außerhalb des regulären Banksystems beteiligt sind. Dazu können zum Beispiel Hedge-Fonds, Geldmarktfonds und börsengehandelte Fonds zählen, ebenso Beteiligungsfonds (Private Equity), Verbriefungsgesellschaften und auch Versicherer, sofern sie Kredite vergeben oder versichern. Schattenbanken sind nicht wie normale Banken reguliert, üben aber bankähnliche Tätigkeiten aus. Der Rat für Finanzstabilität hat das Volumen des globalen Schattenbanksystems für 2011 grob auf rund 51.000 Milliarden Euro geschätzt. Dies entspricht bis zu 30 Prozent des gesamten Finanzsystems und der Hälfte aller Bankaktiva.

Geldmarktfonds sind für Finanzinstitute, Unternehmen und Staaten eine wichtige kurzfristige Finanzierungsquelle. In Europa halten Geldmarktfonds rund 22 Prozent aller kurzfristigen Schuldtitel, die von Staaten oder Unternehmen aufgelegt werden, sowie 38 Prozent der kurzfristigen Schuldtitel des Banksektors. Aufgrund der systemischen Zusammenhänge zwischen Geldmarktfonds, Banken sowie der Unternehmens- und Staatsfinanzierung steht die Tätigkeit der Geldmarktfonds im Zentrum der internationalen Arbeiten zum Thema Schattenbanken.

Die aktuelle Mitteilung der EU-Kommission liefert einen Überblick über die von der Kommission ermittelten Prioritäten, unter anderem in folgenden Bereichen:

  • Regeln für Geldmarktfonds: Die jetzt vorgeschlagene Verordnung betrifft Geldmarktfonds, die in Europa ihren Sitz haben oder dort verkauft werden, und soll deren Liquiditätsprofil und ihre Stabilität verbessern. Mindestens 10 Prozent des Portfolios von Geldmarktfonds sollten aus täglich fälligen Vermögenswerten und weitere 20 Prozent aus wöchentlich fälligen Vermögenswerten bestehen. Dadurch sollen Geldmarktfonds in die Lage versetzt werden, stets Rückzahlungen an Investoren leisten zu können, die kurzfristig Mittel abziehen wollen. Um zu vermeiden, dass ein einzelner Emittent einen unangemessen großen Anteil des Nettoinventarwerts eines Geldmarktfonds hält, würde das Kreditrisiko gegenüber einzelnen Emittenten gedeckelt. Um einen konstanten Nettoinventarwert zu gewährleisten, sollen Geldmarktfonds einen Kapitalpuffer schaffen. Dieser Puffer wird zur Unterstützung stabiler Anteilsrücknahmen in Zeiten sinkender Anlagevermögenswerte der Geldmarktfonds aktiviert.
  • Transparenz des Schattenbanksektors: Um Risiken wirksam zu überwachen und wenn nötig einschreiten zu können, ist es notwendig, detaillierte, zuverlässige und umfassende Daten zu diesem Sektor zu sammeln.
  • Risiken im Zusammenhang mit Wertpapierfinanzierungsgeschäften (vor allem Wertpapierleih- und Pensionsgeschäften): Diese Geschäfte können zu einer Erhöhung der Fremdfinanzierung und zur Verstärkung des prozyklischen Charakters des Finanzsystems beitragen, das damit anfällig für einen Ansturm auf die Banken und plötzlichen Abbau von Risiken (Deleveraging) wird. Des Weiteren ist es aufgrund der mangelnden Transparenz dieser Märkte schwierig, Eigentumsrechte festzustellen (Wem gehört was?), die Risikokonzentration zu überwachen und Gegenparteien zu ermitteln (Wer investiert in wen?).
  • Interaktion mit Banken: Die enge Verflechtung zwischen dem Schattenbanksystem und dem Rest des Finanzsektors, insbesondere dem Banksystem, birgt ein hohes Ansteckungsrisiko. Dieses Risiko könnte insbesondere durch eine Verschärfung der Aufsichtsbestimmungen für die Geschäfte von Banken mit nicht beaufsichtigten Finanzunternehmen begrenzt werden.

Bestimmte Bereiche, wie etwa die Schaffung von Abwicklungsinstrumenten für Finanzinstitute, bei denen es sich nicht um Banken handelt, und eine Strukturreform des Banksystems, bedürfen weiterer Analysen und werden später präzisiert.

Die aktuelle Mitteilung der EU-Kommission steht mit den Empfehlungen des Rates für Finanzstabilität im Einklang, die von den Staats- und Regierungschefs der G20 am 5. und 6. September 2013 in Sankt Petersburg gebilligt werden.

Link zum Thema:

Fahrplan der Kommission für die Bekämpfung der mit dem Schattenbankwesen verbundenen Risiken
PresseInformation der EU-Kommission vom 4. September 2013.