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EU-Kommission kritisiert Gehaltsnachteile für Frauen
Es stand schon im Gründungsvertrag: Die Europäische Gemeinschaft wirkt darauf hin, "die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern." Viele Initiativen und einige Vertragsergänzungen später sieht die Wirklichkeit immer noch anders aus. Bestes Beispiel: Die ernüchternden Ergebnisse einer Studie der Europäischen Kommission über den Lohnabstand zwischen den Geschlechtern - den "Gender Pay Gap". In einer Mitteilung zum Thema kritisierte die EU-Kommission am 18. Juli 2007 den Gehaltsnachteil für Frauen scharf - und analysierte die Ursachen der Ungleichheit.
 
Frauen liegen inzwischen bei den höheren Schulabschlüssen europaweit vorn. Dennoch finden sie sich anschließend auf einem Arbeitsmarkt wieder, der ihnen weniger gute Konditionen bietet als Männern. Keine moderne Volkswirtschaft - so die EU-Kommission - kann es sich angesichts der Überalterungsprozesse in den europäischen Gesellschaften leisten, das produktive Potenzial von Frauen brach liegen zu lassen. Warum ändert sich so wenig?
 


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Die Schere zwischen dem Einkommen von Frauen und Männern hat sich europaweit seit 1995 gerade mal um zwei Prozentpunkte geschlossen: Damals lag der "Gender Pay Gap" bei 17, 2005 bei 15 Prozent. In Deutschland ist der Abstand im gleichen Zeitraum sogar leicht gestiegen - von 21 auf 22 Prozent. Am höchsten sind die Unterschiede in der Bezahlung bei Frauen zwischen 50 und 59 - sie verdienen im Schnitt 33 Prozent weniger als gleichaltrige Männer. Immerhin: Bei den unter 30-Jährigen sind es nur sieben Prozent Unterschied.
 
Berufe mit hohem Frauenanteil
Ein Grund für die statistisch belegbare Ungleichheit bei der Bezahlung sieht die EU-Kommission in der für Frauen ungünstigen Aufteilung des Arbeitsmarktes. Viele Frauen sind in Berufen tätig, die bei ähnlichen Anforderungen an die Qualifikation schlechter bezahlt sind als solche von Männern. Zum Beispiel erhalten in einigen Ländern Kindergärtnerinnen weniger Lohn als Kraftfahrzeugmechaniker, Supermarktkassiererinnen weniger als Lagerarbeiter und Krankenschwestern weniger als Polizisten.
 
40 Prozent der weiblichen Beschäftigten arbeiten in Gesundheitsberufen, im Bereich Erziehung und Bildung oder im Handel und Verkauf. Dagegen üben nur 20 Prozent der Männer solche Berufe aus. Dazu kommt: Frauen haben in diesen Berufen meist die Funktion einer Assistentin, Hilfskraft oder ungelernten Mitarbeiterin. Fast die Hälfte aller weiblichen Beschäftigten arbeitet in solchen Stellungen. Umgekehrt ist nur jeder dritte Manager in den großen Unternehmen eine Frau - ein Zustand, an dem sich zwischen 2000 und 2006 so gut wie nichts geändert hat.
 
Dass es für Frauen häufig schwierig ist, Beruf und Familie zu vereinbaren, ist bekannt. Das führt dazu, dass wesentlich mehr Frauen Teilzeitangebote wahrnehmen (müssen) als Männer. Die Zahlen sprechen für sich: Während in der EU jede dritte Frau in Teilzeit arbeitet, sind es bei den Männern nur acht Prozent. Frauen beantragen öfter Elternurlaub, sind stärker beeinträchtigt durch einen Mangel an Kinderbetreuungsmöglichkeiten und erlebten öfter, dass sie ihre Karriere unter- oder ganz abbrechen müssen.
 
Dass daraus eine statistische Differenz bei der Bezahlung resultiert, wundert nicht. Umso schwieriger ist es nachzuweisen, dass der "Gender Pay Gap" gleichzeitig auch auf eine Diskriminierung von Frauenarbeit zurückgehen kann. "Das Lohngefälle ist ein kompliziertes Phänomen, das zahlreiche Ursachen hat", sagte Vladimír Špidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit. "Häufig treten die Gründe aber nicht offen zutage: Frauen leisten noch dazu in größerem Umfang unbezahlte Arbeit, wie zum Beispiel Haushaltsführung und Betreuung von Angehörigen."
 
Zahlen können täuschen
Wer die statistische Differenz zwischen dem, was Männer und Frauen verdienen, betrachtet, stößt auf einige Merkwürdigkeiten. So scheint in Malta die Gleichheit der Geschlechter fast verwirklicht (Gender Pay Gap: vier Prozent) und Italien auf einem guten Weg zu sein (neun Prozent). Dabei darf nicht vergessen werden: Wo die offizielle Zahl von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verschwindend niedrig liegt, sagt der Index nicht viel aus: Diejenigen, die wirklich statistisch erfassbar arbeiten, verdienen relativ gut. Eine hohe Differenz von 25 Prozent oder mehr verweist meist auf einen Arbeitsmarkt, der stark in Männer- und Frauenberufe zergliedert ist. Das ist typisch für neue Mitgliedsländer wie Tschechien, Estland oder die Slowakei.
 
Die Kluft in der Bezahlung ist in privat betriebenen Unternehmen höher als im öffentlichen Dienst (Bahn, Post oder Polizei). Je größer das Unternehmen, desto größer im Schnitt auch die Unterschiede in der Bezahlung. Auch die Dauer der Beschäftigung spielt eine Rolle: Bei Dauerarbeitsplätzen liegen die Unterschiede in der Bezahlung erheblich höher (25 Prozent) als bei einem befristeten Vertrag (neun Prozent). Sorgen macht sich die EU-Kommission auch darum, dass aus den Lohnunterschieden Differenzen bei den Renten und Pensionen entstehen könnten. Gerade allein stehende oder allein erziehende Frauen haben ein größeres Armutsrisiko als Männer in einer ähnlichen Lage.
 
Was tun?
"Wir müssen jetzt handeln. Wir können nur dann Erfolg haben, wenn Männer und Frauen, Nichtregierungsorganisationen, Sozialpartner und Regierungen alle gemeinsam das Problem auf allen Ebenen angehen", betont Vladimír Špidla. Die EU selbst ist relativ machtlos, weil Tarifverhandlungen in den meisten Länder eine Sache der Sozialpartner sind und oft auch Vorschriften über Mindestlöhne schlicht fehlen. Špidla forderte gleichwohl dazu auf, die bestehenden Rechtsvorschriften sinnvoller anzuwenden und die Öffentlichkeit stärker für die Problematik zu sensibilisieren. Die EU werde die Bekämpfung des Lohngefälles in ihre beschäftigungspolitischen Maßnahmen übernehmen. Projekte werden nur dann kofinanziert, wenn der Lohn zwischen den Geschlechtern bei gleicher Arbeit gleich ist.
 
Außerdem möchte die Kommission den Austausch bewährter Verfahren zur Bekämpfung des "Gender Pay Gap" in der gesamten EU unterstützen und die Sozialpartner in die Strategie für gerechten Lohn einbeziehen. Die Beseitigung der geschlechtsspezifischen Unterschiede ist auch ein Hauptanliegen des "Fahrplans für die Gleichstellung von Frauen und Männern (2006-2010)".
 
Die europäischen Bürger weiß die EU-Kommission damit auf ihrer Seite: In einer Eurobarometer-Umfrage vom Januar 2007 gaben 77 Prozent an, sie wollten mehr Frauen an der Wirtschaftsspitze sehen, 72 Prozent wünschten sich mehr Frauen in den Parlamenten.
 

Quelle der vorstehenden Informationen:
"EU-Nachrichten" Nr. 26 vom 19. Juli 2007 der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland.


LINKS zum Thema


Die Kommission hilft Lohngefälle zwischen Männern und Frauen zu überwinden
PresseInformation der EU-Kommission vom 18. Juli 2007.
 
Bridging the Gender Pay Gap
Memorandum der EU-Kommission vom 18. Juli 2007 mit Fragen und Antworten zum Thema Lohngefälle bei Frauen und Männern in der EU.
 
Bekämpfung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles
Text des am 18. Juli 2007 von der EU-Kommission veröffentlichten Berichts als PDF-Dokument.
 
The gender pay gap - Origins and policy responses
A comparative review of 30 European countries. Studie zum Thema "Das geschlechtsspezifische Lohngefälle - Ursprünge und konzeptionelle Ansätze" als PDF-Dokument.
 
Fourth European Working Conditions Surveys (2005)
Vierte Europäische Erhebung über Arbeitsbedingungen.
 
Gleichstellung von Frauen und Männern
Informationen der EU-Kommission zum Thema Gleichstellung.
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