EU setzt auf Mini-AKW – Deutschland bleibt skeptisch © Europäische Union, 2018, Quelle: EU-Kommission - Audiovisueller Dienst, Fotograf*in: Mauro Bottaro

10.03.2026 Paris (dpa). Die Europäische Union will für eine klimafreundliche und erschwingliche
Stromversorgung wieder stärker auf die Kernenergie setzen. Um die Wettbewerbsfähigkeit
der Industrie sowie niedrigere Strompreise für die Bevölkerung sicherzustellen, wolle die EU
die Forschung sowie Investitionen in die Kernenergie unterstützen, kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim zweiten internationalen Gipfel zur
Kernenergie in Boulogne-Billancourt bei Paris an. «In den letzten Jahren erleben wir eine
weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben.»
Während 1990 ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie stammte, seien es
heute nur noch knapp 15 Prozent, sagte von der Leyen. «Diese Verringerung des Anteils der
Kernenergie war eine bewusste Entscheidung, und ich glaube, dass es für Europa ein
strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom
den Rücken zu kehren.»
Atomstrom soll Zukunftstechnologien antreiben
Sauberer, bezahlbarer Strom sei wichtig für die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung und
bilde das Fundament für die Industrien der Zukunft wie Robotik und Künstliche Intelligenz,
die beide erschwinglichen Strom in Hülle und Fülle benötigten, sagte von der Leyen. Gerade
die aktuelle Krise im Nahen Osten zeige, dass es zudem wichtig sei, nicht von
Energieimporten abhängig zu sein.
«Deshalb legen wir heute eine neue europäische Strategie für kleine modulare Reaktoren
vor. Unser Ziel ist einfach: Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang
der 2030er Jahre einsatzbereit ist», sagte von der Leyen. Die kleinen modularen SMR-Reaktoren (auf Englisch «small modular reactor») sollten neben den herkömmlichen
Kernreaktoren eine Schlüsselrolle bei einer flexiblen, sicheren und effizienten
Energieversorgung spielen.
Um die Entwicklung der Mini-Atomkraftwerke voranzutreiben, sollten Vorschriften über die
Grenzen hinweg angeglichen werden, sagte die EU-Kommissionschefin. Außerdem müssten
Investitionen mobilisiert werden.

«Heute kann ich verkünden, dass wir Investitionen in innovative Kerntechnologien mit einer
Garantie in Höhe von 200 Millionen Euro unterstützen werden», sagte von der Leyen. Ziel
sei die Verbesserung der Investitionsbedingungen in der europäischen Kernenergieindustrie.
Nuklearbranche sieht Chancen in Mini-Reaktoren
Als SMR-Reaktoren werden Atomkraftwerke bezeichnet, die eine deutlich geringere Leistung
haben als herkömmliche Anlagen und deren Komponenten in einer Fabrik in Serie gefertigt
werden. Diese kleineren, modularen Reaktoren gelten Befürwortern als Alternative zu
herkömmlichen großen Atomkraftwerken und versprechen eine flexiblere und
möglicherweise sicherere Energieerzeugung. Derzeit treiben mehrere Länder wie etwa
Großbritannien, Tschechien und Polen die Entwicklung der Mini-Atomreaktoren voran. China
und Russland haben erste Anlagen in Betrieb genommen.
Die Nuklearbranche argumentiert, dass SMR einfacher zu bauen und kostengünstiger sowie
effizienter sein könnten als traditionelle Großkraftwerke. Atomkraftgegner bezweifeln das und
befürchten neue Risiken durch eine Vervielfachung der Anlagenzahl, was Kontrollen
erschwere. Befürchtet werden auch neuartige radioaktive Abfälle.
Bundesregierung bei Atomkraft uneins
In der Bundesregierung ist das Thema Atomkraft umstritten, wie sich auch an den
Reaktionen auf die EU-Pläne zeigte. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, er persönlich teile
die Einschätzung von der Leyens, dass die Abkehr von der Atomkraft ein strategischer
Fehler gewesen sei. Die Bundesregierungen zuvor hätten entschieden, aus der Kernenergie
auszusteigen, sagte der CDU-Chef. «Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber
es ist so.»
Bundesumweltminister Carsten Schneider indes kritisierte die EU-Pläne zur Förderung der
Atomenergie. «Es spricht Bände, dass der Kern dieser rückwärtsgewandten Strategie aus
neuen Subventionen für Atomkraftwerke besteht», sagte der SPD-Politiker in Berlin. «Der vor
15 Jahren erreichte Atomkonsens hat unserem Land gutgetan, das sollten wir nicht
leichtfertig aufs Spiel setzen.» Schneider meldete erneut Zweifel an den neuen Mini-AKW
an. «Diese kleinen Atomkraftwerke werden schon seit Jahrzehnten angekündigt, schaffen
aber den Durchbruch nicht und ringen stattdessen um Subventionen.» Aus der Union hatte
es dagegen Stimmen gegeben, die sich offen für die Technologie zeigten.

Quelle dieser Information: Der Abdruck dieser Nachricht erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Presse-Agentur (dpa).