Kontinent Europa

🎧 Anhören

 

Lieber lesen? – Audiotext

Europa wird meistens als eigener Kontinent bezeichnet. Geografisch ist das aber ungewöhnlich: Europa und Asien sind nicht durch einen Ozean voneinander getrennt, sondern bilden gemeinsam die zusammenhängende Landmasse Eurasien.

Wo Europa endet und Asien beginnt, ist deshalb nicht überall durch eine eindeutige natürliche Grenze vorgegeben. Eine heute weit verbreitete Grenzziehung verläuft über Uralgebirge und Uralfluss, das Kaspische Meer, den Großen Kaukasus, das Schwarze Meer sowie Bosporus, Marmarameer und Dardanellen.

Diese Linie führt zu Grenzfällen: Russland und die Türkei liegen in Europa und Asien; auch ein kleiner Teil Kasachstans liegt westlich des Uralflusses. Im Kaukasus gibt es sogar unterschiedliche Konventionen.

Europas geografische Grenze ist also nicht beliebig – aber sie ist eine historisch entstandene geografische Konvention.


Zur Vertiefung

Warum ist Europa überhaupt ein eigener Kontinent?

Die Unterscheidung Europas und Asiens ist sehr alt. Schon griechische Autoren der Antike unterschieden große Weltregionen wie Europa, Asien und Libyen. Wo ihre Grenzen genau verliefen, war aber schon damals nicht eindeutig. Herodot hinterfragte im 5. Jahrhundert v. Chr. sogar, warum eine zusammenhängende Erde verschiedene Namen trage und wer diese Grenzen festgelegt habe.¹

Warum verläuft die Grenze heute am Ural?

Über viele Jahrhunderte wurde häufig der Don – in der Antike Tanais – als Grenze zwischen Europa und Asien verwendet. Im frühen 18. Jahrhundert gewann eine weiter östlich gelegene Abgrenzung am Ural an Bedeutung. Der russische Geograf und Historiker Wassili Tatischtschew und der schwedische Offizier und Kartograf Philipp Johann von Strahlenberg werden mit dieser Entwicklung verbunden; Strahlenberg veröffentlichte 1730 eine entsprechende geografische Darstellung.²

Der Ural bot eine markante geografische Linie, an der sich eine großräumige Grenzziehung orientieren ließ. Zugleich fiel die Verschiebung der Europagrenze nach Osten in eine Zeit, in der sich Russland unter Peter dem Großen politisch und kulturell verstärkt auf Westeuropa bezog. Der Historiker Mark Bassin deutet die neue Grenzziehung deshalb auch im Zusammenhang mit der europäischen Selbstverortung Russlands. Diese politische Deutung ist eine wissenschaftliche Interpretation – nicht der Nachweis, dass die Grenze ausschließlich aus politischen Gründen festgelegt wurde.²

Wo verläuft die Grenze auf unserer Karte?

Unsere Karte verwendet eine heute weit verbreitete Linie: Uralgebirge → Uralfluss → Kaspisches Meer → Hauptkamm bzw. Wasserscheide des Großen Kaukasus → Schwarzes Meer → Bosporus → Marmarameer → Dardanellen. Besonders im Kaukasus gibt es alternative Grenzziehungen.

Fall Einordnung auf unserer Karte Besonderheit
Russland Europa und Asien Uralgebirge und Uralfluss teilen das Staatsgebiet.
Türkei Europa und Asien Ostthrakien liegt in Europa; Anatolien in Asien.
Kasachstan überwiegend Asien; kleiner Teil Europa Ein kleiner Gebietsteil liegt westlich des Uralflusses.
Georgien / Aserbaidschan Grenzfälle Die Zuordnung kann von der verwendeten Kaukasus-Grenze abhängen.
Armenien auf dieser Karte Asien Politisch und kulturell zugleich in viele europäische Strukturen eingebunden.
Zypern geografisch meist Westasien Politisch u. a. EU- und Europaratsmitglied.
Island Europa Plattentektonik und Kontinentzuordnung sind nicht dasselbe.

Was bedeutet das für unsere Karte?

Die eingezeichnete Grenze ist nicht willkürlich: Sie folgt etablierten geografischen Konventionen und auffälligen Landschaftsformen. Sie ist aber auch keine Naturgrenze, die eindeutig festlegt, wo Europa „wirklich“ endet. Deshalb können Europakarten an einzelnen Stellen voneinander abweichen.

Quellen und Fußnoten

1 Herodot hinterfragt die antike Dreiteilung der Erde und die Festlegung ihrer Grenzen. Perseus Digital Library, Tufts University. Quelle öffnen

2 Zur Entstehung und politischen Einordnung der Ural-Grenze: Mark Bassin, „Russia between Europe and Asia“, Slavic Review 50/1 (1991), 1–17. Quelle öffnen